Tunesien, Ägypten, Libyen ... – und die Auswirkungen auf uns
Liebe Leser,
in den letzten Wochen habe ich wohl mehr (Abend-)Stunden vor dem Livestream des arabischen Senders Al Jazeera als mit öffentlich-rechtlichen TV-Programmen verbracht: erst wegen des Volksaufstands gegen das Regime in Tunesien, dann gegen Mubarak in Ägypten und nun in Libyen.
Warum ich mich damit so intensiv beschäftigt habe? Dafür gibt es zwei wesentliche Gründe. Zum einen ist es unglaublich fesselnd, einen demokratischen Umbruch „live“ mitzuerleben. Wenn Sie sich an die Bilder von der Berliner Mauer im Herbst 1989 erinnern, wissen Sie, was ich meine.
Kleine Krisen mit weitreichenden politischen Konsequenzen
Zum anderen glaube ich, dass die Ereignisse in Nordafrika – so weit weg sie auf den ersten Blick zu sein scheinen – entscheidenden Einfluss auf die Weltordnung und damit auch auf die Kapitalmärkte haben werden. Immerhin liegt Ägypten am Suez-Kanal, einer der bedeutendsten Wasserstraßen der Welt. Und Libyen ist einer der zwölf OPEC-Staaten, die zusammen 40 Prozent der weltweiten Erdölproduktion fördern. Die politischen Veränderungen sind für uns daher von enormer Bedeutung.
Denn trotz aller Beteuerungen, man begrüße diese demokratischen Prozesse: Mit dem Sturz von Mubarak, Gaddafi & Co. verlieren die USA ebenso wie Deutschland ihre jahrzehntelang eingespielten bequemen Wege zu Geschäften in der Region. Mit korrupten Diktatoren lässt sich nunmal einfacher verhandeln als mit Regierungen, die das Interesse des eigenen Volkes im Auge haben. Kein Wunder, dass sich die USA bis zuletzt nicht von ihrem langjährigen „Freund“ Mubarak distanzieren mochten.
Schon jetzt wirken sich die diversen Krisen auf einige Firmen aus. So beschäftigt Leoni in Ägypten und Tunesien insgesamt 16.000 Mitarbeiter, die zeitweise nicht zur Arbeit kommen konnten. Und bei der HVB-Muttergesellschaft Unicredit ist der Staat Libyen mit 7,2 Prozent einer der Großaktionäre. Und es ist nicht auszuschließen, dass die Welle noch weitere Kreise zieht.
Am Anfang einer ganzen Welle von demokratischen Umstürzen?
Ermutigt durch die Erfolge in Tunesien und Ägypten könnte sich der Aufstand der Völker gegen ihre jeweiligen Diktatoren weiter nach Osten fortsetzen und auch Länder wie Iran, Pakistan oder gar Nordkorea erfassen. Spätestens wenn es in einem der beiden letztgenannten Länder – die beide Atomwaffen besitzen – zu gären beginnt, hätten wir alle ernsthaften Grund zur Sorge.
Einen Vorgeschmack auf die dann möglichen Turbulenzen lieferte die Entwicklung der letzten Tage: Wurden die Umstürze in Nordafrika an den Märkten wochenlang kaum beachtet, knickte die Börse nun aufgrund der eskalierenden Situation in Libyen deutlich ein. Dies zeigt, wie schnell die Stimmung von Euphorie wieder ins Gegenteil kippen kann. Daher setzen wir bewusst weiterhin auf solide, krisenerprobte Firmen – damit Sie ruhig schlafen können, egal wo auf der Welt der nächste Diktator stürzt.
Viel Erfolg an der Börse
Ihr
Matthias Schrade